Sonntag, 22. Mai 2016

Heimat


Sie fragten sie was sie unter Heimat verstehe, was für sie Heimat bedeutet. Sie musste lachen wie sie immer lachte wenn sie keine Antwort wusste, oder wenn sie diese sofort wusste und gleichzeitig wusste, sie werde sie vielleicht nie in Worte fassen können. Sie musste das Lachen lachen das man lacht, wenn einem nicht zum lachen ist. Das grundlose Lachen das niemals grundlos ist, nur das einzige ist, das noch möglich war, außer schweigen, außer weinen, außer fortlaufen wollen. Fort von der Frage, die gestellt worden war. Fort von der Frage die so-fort beantwortet war, schon bevor sie gestellt worden war. Sosehr fort, dass sie so klar war wie das Wasser im Glas vor ihr in dem der Zitronenkern schwamm: So klar, dass sie es niemals ausdrücken wollte was sie sofort wusste: Heimat war Einsamkeit.

Sonntag, 1. Mai 2016

Is God a DJ?


Ich sitze im Zug zwischen Frankfurt und Mannheim. Auf Abwegen nach Paris. Wir fahren einen Umweg. Wegen Gleisbauarbeiten können wir nicht den direkten Weg nehmen, benötigen 25 Minuten länger. Losgefahren in Frankfurt sind wir allerdings pünktlich. Als wir fuhren stand ich im Zug, im ersten erlaufbaren Wagen, ganz am Ende des Bahndamms. Dort wo sie sich küssen, Zug und Bahnhof. Ich im küssenden Zug, er draußen am geküssten Bahndamm, an die Scheibe klopfend, mit dem Schaffner in Zeichensprache sprechend, ihm noch einmal zu öffnen. Der Schaffner, ein junger sympathischer Mann mit momentan modernem Ziegenbärtlein, ein Mann den ich in seiner Freizeit mit seinen Freunden in einer Bar sehe wie die in der ich am Wochenende war. Dort, wo wieder geraucht wird, boyfriendstyle auch von boyfriends getragen wird, manchmal eine Strickmütze dazu, die Sprache ist gewählt. Lässiger Look nicht gleich lässige Sprache. Imponierende Jugend. Sie sind freundlich, zuvorkommend im Gegensatz zum gewollt schmuddelig wirkenden Äußeren. Sie sind ambivalent, so wie wir es alle sind. Doch sie leben es bewusst, sind bewusst unspießig, diese neuen Jungen, die auch uns Alte mittanzen lassen. So war es zumindest am Freitag in der Bar in die man über eine Garage hineinging, dort angeboten bekam doch erst einmal nachzuschauen ob man bleiben möchte bevor man die Jacke an den Kleiderständer auf Rollen hängen wolle. Nachdem man eigentlich abgewiesen worden war, freundlich mit dem Hinweis heute wäre eine Party. Und nachdem man den Namen der DJs genannt hatte wegen derer man gekommen war und man dann wie ein guter Freund sofort Eingang fand. Quer durch ein spießiges 80er Jahre Treppenhaus auf und ab. Kein Garderobengeld, kein Eintritt. Diesen jungen Leuten Trinkgeld zu geben wäre mir vorgekommen als hätte ich meine Mutter fürs Windeln wechseln bezahlen wollen. So empfinde ich sie, diese neuen Jungen, sowohl am Freitag Abend in der hippen Bar in einer Gasse die keine war, eher ein Seitenstrang einer Gasse mit Versorgungstüren. Irgendwo hinter der Börse. Irgendwo hinter dem Geld. Dort ließen sie uns mittanzen und sagten als wir gingen „es war schön, Sie bei uns gehabt zu haben.“ Wortwahl die ich selbst kaum über die Lippen bringen würde, würde ein Kunde meinen Laden verlassen, hätte ich einen Laden. Diese jungen Menschen sprechen mit Hängehose, Strick-Zipfelmütze und Schlabberjacke etwas aus, was in meinem Hirn noch mit Zweireiher, Manschettenknöpfen, Rotweinbauch und Aftershave-Wolke verknüpft ist.


Sie sind einfach cool. Sie zeigen Gefühl dort, wo wir ältere uns verbarrikadieren hinter abgeklärtem Lachen und sarkastischen Witzen. So sehe ich heute den jungen Schaffner bei dem ich mir einbilde auch seine Uniformhose hängt auf halb acht, doch sein Flesh Tunnel sehe ich wirklich als er dem Mann durch die Scheibe sagt, „es tut mir Leid, ich kann Ihnen nicht mehr aufmachen.“ Ich spüre Bedauern und Mitgefühl mit dem anderen vor der Scheibe, dem traurigen, der nun nicht mehr mit nach Paris fahren kann und in meinem Tagtraum sehe ich, wie der Junge die Hand von innen an die Scheibe legt - zum Zeichen der Solidarität. Dieser Tagtraum versöhnt mich mit meiner noch pochenden, schnaubenden Erschöpfung vom Rennen zum Zug und der psychischen Abschussrampe durch das Rasen im Auto mit 100km/h durch die großteils gesperrte Innenstadt Frankfurts - weil wir das heutige Radrennen rund um den Finanzplatz vergessen hatten. Ich habe ihn also gerade noch erreicht während des Kusses, den nun abfahrenden Zug, bevor Hängehosenuniform die Tür schließt und mir zulächelt. Ich bin drin im Zug nach Paris, auch ohne den Namen des DJs zu kennen. Maybe God is my DJ - oder Zugführer Brinkmann und sein Team.

Mittwoch, 16. März 2016

Nur noch schnell die Welt retten

Ich sehe eine Dokumentation zum Weltfrauentag über "Powerfrauen". Er zeigt Frauen, die es geschafft haben. Frauen, die der immer noch männlich regierten, dominierten, geleiteten Welt gezeigt haben, dass sie es auch können. Dass sie es sogar oft besser können, mit weiblichem, menschlicherem Führungsstil, mit Empathie und gleichzeitiger Hartnäckigkeit. Sie tun das, was alle bewundern. Stärke zeigen, Intelligenz und Geschick, sich nicht unterkriegen lassen, weiter machen bei Rückschlägen, hart arbeiten, aus Niederlagen lernen, dabei sogar Kinder erziehen die ihnen irgendwann verzeihen dass sie nie da waren, dass sie um Dinge gekämpft haben um die es zu kämpfen galt. Frauen die damit ultra erfolgreich waren und sind. Das zeigt uns dieser Film. Vielleicht zwei Prozent oder noch weniger der Menschen die 50 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen in Schlüsselpositionen wie IWF-Chefin, FED-Chefin, Staats-Präsidentin, Kanzlerin, Firmenchefin. Sie alle sollen uns zeigen: Es geht. Es geht, und ihr Ergebnis ist oftmals besser, als hätte einer der anderen Hälfte der Weltbevölkerung den Posten gehabt. 

Ja, es geht. Doch alleine die Tatsache, dass darüber eine 90-minütige Dokumentation gedreht wird und diese mich und sicher auch andere Menschen sehr beeindruckt zeigt, wie fern wir alle im normalen Leben davon sind. Was hilft es der Kassiererin an der Supermarkt-Kasse, dass es offensichtlich geht, oder mir, einer normal begabten Mutter die ihren Job nie doll fand, ihn nie doll machte auch nie doll darum kämpfen musste? Diese heiligen Beispiele helfen uns eigentlich nichts. Vielleicht eher anders rum: Unser schlechtes Gewissen wird durch sie nicht besser. Hätten wir nur diese Durchsetzungskraft, diese Stärke, diesen Willen, hätten auch wir es schaffen können: Den Job machen, den sonst nur Männer machen, weil man dafür Tag und Nacht verfügbar, motiviert und vor allem kämpferisch sein muss. Den Job, den wir in unserem Leben, auch ohne Kinder nie hätten haben wollen. Denn unser Job, über den so manche von uns vielleicht  froh ist, ihn nur noch Teilzeit machen zu müssen, nach der Geburt der Kinder, endlich auch mal „den halben Tag frei“ zu haben, wie es jeder Mensch ohne Kinder sieht, sogar sich noch nicht reproduzierte Frauen es sehen. Ich habe es damals auch so gesehen. Vor meiner Vermehrung.

Was hilft es uns, dass Frau Lagarde sagt, sie hätte immer ein schlechtes Gewissen gehabt, immer Schuldgefühle gegenüber ihren Kindern, doch diese hätten ihr verziehen, heute mit über 20. Sie hätten ihr heute ihre Schuldgefühle genommen, sagt sie überzeugt in die Kamera. Doch mal ehrlich, was kann man als erwachsenes Kind einer IWF-Chefin, FED-Chefin, Staatspräsidentin oder Ministerin anderes tun als ihr ihre Abwesenheit in der Kindheit öffentlich zu verzeihen, möchte man nicht als kompletter Honk da stehen.

Ich persönlich bewundere diese Frauen, ich beneide sie nicht. Doch helfen können mir Dokumentationen über diese Überfrauen irgendwie nicht. Sie sagen mir indirekt eher, dass meine Kinder, wenn sie groß sind, mir vielleicht nicht verzeihen können werden, dass ich sie oftmals nicht vor 5 Uhr aus Krippe, Kindergarten oder Hort abgeholt habe, mit ihnen lustig in den Zoo gefahren bin, oder ins Schwimmbad gegangen bin. Weil ich nicht die Weltwährung gesteuert habe oder ein Volk regiert habe, sondern vielleicht einfach nur, weil ich einige Stunden am Tag für mich sein musste. Einfach mal den „off-Button“ der unbegrenzten Mutterliebe betätigt halten musste um ihn später wieder einschalten zu können, und nicht ohne danach am Kindergarten gehetzt zu tun, weil ich nicht zugeben konnte, dass ich einfach einige Stunden in der Woche nichts und niemanden hören und sehen möchte - auch nicht meine Kinder. Weil mich permanentes verfügbar sein müssen unglücklich, sogar krank macht.

Wie, frage ich mich, sollen mir meine Kinder das jemals verzeihen können wenn sie erwachsen sind? Das können mir Frau Lagarde, Frau Yellen, Frau Bachelet und Frau von der Leyen nicht erklären, denn sie können mir auch nicht erklären, warum unsere Gesellschaft Mütter die nicht arbeiten als „nur Mutter“ bezeichnet und Kita-Plätze - vor allem in den Köpfen der Deutschen - Frauen vorbehalten sein sollen, die berufstätig sind. Denn Mütter haben kein Recht auf den off-Knopf, den jeder Arbeitnehmer hat, wenn er die Stechuhr auf „abwesend“ setzt. Nein, dieses Recht, das haben wir nicht. Doch das Recht auf Erfolg, das haben wir. Kinder erziehen gilt nicht als erfolgreiches Arbeiten in unserer Gesellschaft. Schade eigentlich. Wer wird noch mal die Rente, von der in Deutschland sogar Teilzeit arbeitenden Mütter nur einen Bruchteil im Vergleich zu Nichtmüttern und Männern bekommen, bezahlen?

Wenn er aufsteht

Morgens steht er auf und singt. Manchmal pfeift er auch. Er schlendert zur Toilette im Lederjackengang. Danach gibt er Gas um wieder ins Bett zu gehen. Manchmal schläft er noch mal ein. Montags möchte er nicht zur Arbeit. Dann bleibt er noch ein bisschen länger liegen und freut sich darüber. Irgendwann kommt doch die Lust, sich aufzumachen. Er diskutiert über das Frühstück. Flakes oder Flocken? Milch oder Apfelsaft? Jeden Tag entscheidet er von neuem, zögert nie. Niemals. 

Mitten in der Diskussion über seine Körperpflege sagt er „Können wir das Thema jetzt abschließen?“. Wir können.

Nach dem Frühstück beginnt er mit der Arbeit. Heute ist es die Sechs. Er malt sie aus, er schreibt sie und danach beginnt das Projekt „Marienkäfer“. Sechs Punkte für jeden. Er betrachtet sein Werk und sagt „Oh mein Gott. Ich lerne so schnell Mama. Die Leute, die das Heft gemacht haben, die haben das richtig toll gemacht.“ Er ist zufrieden. Er ist fünf Jahre alt und jetzt möchte er doch endlich in den Kindergarten. Es ist auch schon 8:30 Uhr.

Montag, 22. Februar 2016

Nackt

Der Raum war weiß, in helles, gleißendes Licht getaucht, doch er hatte keine Fenster. Und dennoch, es war Tageslicht, es war kein künstliches Licht. Als wir hereinkamen saßen die Männer auf den Pritschen. Pritschen mit weißen Decken, Daunendecken, Daunenkissen. Sie saßen und sprachen nicht. Sie waren alt. Ich sah sie sitzen inmitten der gefliesten Wände, weiße Fliesen die bis zur Decke hoch gingen. Und Mama setzte mich auf die einzige leere Pritsche an der Wand. Auf dieser Pritsche gab es keine Decke, sie war nur mit einem Tuch bezogen. Sie war hüfthoch für meine Mama, höher als ein Bett. Mama setzte mich darauf und blickte mich an mit dem Rücken zu den Männern. Sie begann mich auszuziehen und ich konnte nichts sagen. Ich konnte nichts. Ich konnte nur spüren wie sie mich auszog und wollte sagen „nicht ausziehen“, doch ich wusste es würde nichts nützen. Ich wusste sie zog mich aus weil sie es ihr gesagt hatten. Weil es zu tun war. Weil sie mich untersuchen mussten. Dann kam eine Frau in einem weißen Kittel. Sie war blond und hatte eine tiefe Stimme und endlich, als die Frau da war, konnte ich schreien „Nicht ausziehen! Nicht ausziehen!“ Die Fliesen an der Wand halfen mir nicht, Mama half mir nicht. Die Männer halfen mir nicht. Ich nahm die Fliesen  in meinen Kopf, diese hellen, strahlenden Fliesen, sie waren das letzte an das ich mich erinnern kann. An diese Fliesen die genauso nackt waren wie ich bevor ich einschlief.

Sonntag, 10. Januar 2016

Wunden



Sie dachte manchmal er sei oberflächlich, weil er sich nicht mit Literatur, Musik, Kunst, mit Dingen aus Kreativität geschaffen beschäftigte. Er begleitete sie um die Dinge zu sehen, zu hören, zu lesen. Er urteilte nie, er las alles wenn es ihr wichtig war und er ließ es auch wenn es ihr nicht wichtig war. Er ließ auch sie wenn sie gelassen werden wollte. Er verfolgte sie nicht, er versuchte nicht sie zu beeinflussen. Er fragte sie wie es ihr ginge und was sie brauche. Wenn sie sagte sie bräuchte ein Jahr in der Wüste Gobi, dann würde er ihr ein Jahr in der Wüste Gobi ermöglichen.

Er benötigte keine schönen äußeren Schalen oder Ordentlichkeiten, denn er ruhte darunter. Er musste sich nicht mit Oberflächlichkeiten das Leben schön denken, denn für ihn war das Leben schön. Er brauchte an ihr keine schicke Kleidung, kein besonderes Haar, keine straffe Haut. Es waren nur Hüllen um etwas zu verbergen das er darunter sah. Darunter konnte er sehen dass sie verletzt war, auch wenn er nicht wusste wodurch. 

Als sie wieder einmal weinte, hatte er ihr seine offene, nässende Wunde gezeigt die er sich zugezogen hatte als er auf dem Fels ausgerutscht war. Er zeigte darauf und sagte. "Siehst, es heilt. Die Natur lässt es heilen. Es bleiben Narben, aber es wird heilen."

Sie wusste, er würde ihr helfen die Wunden zu versorgen. Er wusste, er konnte nicht ihre Natur sein.

Donnerstag, 7. Januar 2016

Der letzte Tanz


Er hackt Holz. die Bühne ist blank. Sie haben das Bühnenbild vor unseren Augen entfernt, zwischen diesem und dem letzten Stück. Er hackt Holz vor einer unglaublich hohen Ziegelwand die in Scheinwerfern endet. Er hackt Holz vor Kulissen die keine sind, rechts und links sehen wir  Kabel, Monitore, Geräte. All das, was Zuschauer normalerweise nicht sehen, denn normalerweise ist es geschützt vor ihren Blicken. Sie haben alles weggeräumt, gemeinsam. Die Techniker, die Tänzer und am Ende auch er, Yvan Auzely, Mitte fünzig, graues Haar, der Körper der eines Mannes der niemals aufgehört hat zu tanzen. Pinabauschig vielleicht, denn bei Pina war es üblich auch im Alter auf der Bühne zu stehen und nicht nur die Jungen zu unterrichten. Holzscheit um Holzscheit legt er auf den Block und spaltet. mit viel Kraft zielt er genau. Als die Musik einsetzt, hüpft, nein stolpert sie fast herein. Auf einem Bein, wie Pinochio der gerade bemerkt dass er sich ohne Fäden bewegen kann, mit dem Rücken zu uns, ihn ansehend, hüpfhopst sie auf die Bühne. Er beachtet sie nicht. Er hackt. Auch sie ist um die sechzig, das graue Haar hat sie zu einem losen Zopf gebunden. Sie trägt wolligen Rock und wollige Jacke, gräulich oder grünlich vielleicht, bewegt ihre Hände wie Vögel, wie Sylvie Guillem es niemals konnte, wie Mats Ek es möchte. Natürlich wie Ihr Mann es geschaffen hat. Für sie, für Ana Laguna.

Ich verliere die Fassung. Zum Glück ist es trotz fehlendem Bühnenbild dunkel in diesem Theater. Nicht nur die Bühne ist ehrlich nackt. Sogar die zwei dicken, bewegungslosen Herren in ihren teuren Anzügen neben mir sind erstarrt. Nein eigentlich waren sie vorher schon starr. In der Pause hatte einer von Ihnen gesagt „das war nicht grade Dornröschen, aber es war nicht schlecht.“ Auch ich hatte die Kälte des ersten, langen Stückes gespürt hatte, ein Stück aus früherer Zeit des Choreographen. Ein Stück, von den jungen der Semperoper getanzt, manchmal nackt scheinend, manchmal tatsächlich nackt. Schöne Körper. Kühle getanzt, nicht gelebt, noch mit häufigen kopulationsartigen Bewegungen. Vielleicht weil sie es noch nicht können, das Leben tanzen. Und auch weil der Choreograph es damals, 1994, noch nicht konnte, das Leben choreographieren.

Und so hackt er, der nicht mehr junge Tänzer, und sie lebt ihre Bewegungen um ihn herum. Auch ihre Bewegungen sind nicht mehr jung. Der Rücken nicht mehr „cambré“ wie die Franzosen sagen, ihre Strümpfe wirken wie Stützstrümpfe, vielleicht sind sie es. Keine Auswirkung bei ihm. Sie geht, sie kommt wieder, in anderer Kleidung, die selben Bewegungen. Immer wieder versuchend ihn vom Hacken abzuhalten, niemals penetrant, ihn nicht berührend, auch in ihrer Welt bleibend. Nur einmal, als er einen neuen Holzscheit holt, legt sie ihren Arm auf den Block. Ein kurzer Moment. Doch dann geht sie wieder. Das Adagio ist noch nicht am Ende. Ich bin es fast. Zum Glück habe ich meinen Schal dabei. Er ist aus dem gleichen dünnen Material wie die Stofftaschentücher die mein Vater früher benutzte. ich kann ihn mir vor das Gesicht halten. Ich weine nicht so gerne neben alten, beleibten Männern die auch so riechen und neben mir sagen „la nana, elle n'a pas beaucoup ans moins que nous.“ Immerhin, ihr Tonfall klingt gnädig.

Er hackt also und irgendwann hält er inne, tut dies, tut jenes. Setzt sich neben den Block, doch nicht ruhend, das Hinterteil schwebend, sich nicht erholend. Wartend. Sie ist nicht mehr in seiner Welt. Sie hat sich abgewendet, tanzt weiter ihren eigenen Tanz mit leichten Händen.

Und doch, irgendwann stellt sie ihn hin. Sie stapelt die gehackten Scheite auf seine Arme die bewegungslos halten. Stapelt in einer fast vorwurfsvollen Haltung, als wolle sie sagen „das hasst Du jetzt davon“. Und als seine Arme gefüllt sind mit Scheiten, geht er von der Bühne, wie Pinochio als er noch an Fäden hing. Sie schlendert hinter ihm her, die Axt wie eine leichte Einkaufstasche tragend, wohl wissend, dass sie sie bis zum Ende hinter ihm hertragen wird.

Das Publikum ist begeistert. Selbst der Herr vor mir, der das ganze Stück in Angela-Merkel-Handhaltung nur diese nicht vor dem Bauch, sondern vor der Brust verbracht hat, die geschmalzten Locken in den Nacken gezurrt, selbst er klatscht verhalten. Seine Frau passt ihren Klatschrythmus an. Sie waren erst nach der Pause gekommen, wohl wissend, dass hier der Höhepunkt der Aufführung zu sehen sei, mir nun ein bisschen die Sicht nehmend. Ana Laguna durch Schmalzlocke. Geht  auch. Der ebenfalls ergraute, ältere Amerikaner vor mir, der lange vor dem Stück schon mit seiner an allen Körperenden brillantierenden Frau neben der Reihe stand, Menschen grüßte, sich angeregt unterhaltend, er klatscht nicht. Nicht vor und nicht nach der Pause. Nicht vor und nicht nach Laguna.

Die Vorhänge fliegen, irgendwann stehen wir auf, spätestens dann als Mats Ek hereinkommt, nur der Amerikaner steht nicht auf. Und als das Licht angeht bleibe ich kurz, denn ich habe einen Platz in der Mitte der Mitte, muss ohnehin die behäbigen Gilet-Träger abwarten die ihre nicht an der Garderobe abgegebenen Mäntel vom Schoß sortieren müssen bevor sie sich aus der Reihe winden. Ich habe es nicht eilig, bin noch benebelt von Stück, Geruch, Begeisterung und Diamantbesatz, und als ich als Letzte aus der Reihe trete, lächelt sie mich an. Eine ältere Dame, Japanerin vielleicht. Mit noch schlechterem Französisch als dem meinen sagt sie mir selig, dass es doch wunderbar gewesen sei, nicht? Sie kenne sie alle, sie durfte sie alle sehen, sagt sie. Aber keine ist so wunderbar wie Laguna - für ihn. Wir unterhalten uns über die Stücke und als sie mich nach meinem Namen fragt und was ich tue, ob ich Tänzerin sei, wage ich nichts zu erwidern, außer „Neinnein, vielleicht irgendwann einmal, ein bisschen“. Sie sieht meinen ungläubigen Blick  und sagt „Warum nicht? Sie sind doch so jung. Wissen Sie, nur wenn man schon einmal auf einer Bühne gestanden hat, kann man sie wirklich fühlen.“ Sie fragt mich ob ich Kritikerin sei, ich fühle mich geehrt, doch fällt mir nicht ein was ich erwidern möchte, vielleicht „Neinnein, ich bin Bewunderin.“ Nun kennt sie immer noch nicht meinen Beruf den ich inzwischen selbst nicht mehr kennen möchte, außer vielleicht den der Mutter. Und als der Ordner in den bereits um uns herum geleerten Theatersaal kommt um uns zu sagen, dass das Theater schließt, nimmt sie ihren Stock in die Hand und sagt „Wissen Sie, dafür,“ mit dem Stock auf die Bühne zeigend, „dafür lohnt es sich für mich zu leben, die Treppe nach oben jeden Tag zu meistern.“ Sie lächelt ihr weises Lächeln und wir verlassen glücklich gemeinsam den Saal.